Wie häufig tritt Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie auf?

Wie häufig tritt Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie auf?

Prävalenz und Inzidenz - Die Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie (CIPN) zählt zu den häufigsten und zugleich belastendsten Nebenwirkungen moderner Krebstherapien. Sie betrifft Millionen von Krebspatientinnen und -patienten weltweit und kann die Lebensqualität erheblich einschränken – teils noch Jahre nach Abschluss der Chemotherapie. Trotz zunehmender Aufmerksamkeit bestehen nach wie vor Unsicherheiten hinsichtlich der Häufigkeit, also der Prävalenz und Inzidenz von CIPN, da diese stark von Therapieform, Wirkstoff, Dosierung und individueller "Anfälligkeit" abhängen.

Dieser Artikel gibt einen umfassenden Überblick über die Häufigkeit von CIPN, beleuchtet aktuelle Studienlagen, erklärt Unterschiede zwischen Inzidenz und Prävalenz und zeigt auf, warum CIPN ein relevantes gesundheitliches und sozioökonomisches Problem darstellt.



💡 Was ist CIPN? – Kurze Definition

Die Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie ist eine Schädigung des peripheren Nervensystems, die infolge der Behandlung mit neurotoxischen Chemotherapeutika entsteht. Betroffen sind vor allem sensible Nerven (Wahrnehmung von Schmerz, Temperatur, Berührungen), seltener motorische (Muskelsteuerung) oder autonome Nerven (für unwillkürliche Körperfunktionen wie Atmung, Herzschlag u.a.).

Typische Symptome von CIPN sind:

  • Kribbeln (Parästhesien)
  • Taubheitsgefühle
  • Brennende oder stechende Schmerzen
  • Kälte- und Berührungsempfindlichkeit
  • Gangunsicherheit und Gleichgewichtsstörungen
  • Feinmotorische Einschränkungen

Diese Symptome treten meist symmetrisch an Händen und Füßen auf, können unter Umständen aber auch bis in die Wade oder den unterarm ziehen. Erfahren Sie mehr zum Thema im 👉 Blogbeitrag "CIPN".


ℹ️ Inzidenz vs. Prävalenz – Begriffsabgrenzung

Für das Verständnis der statistischen Daten ist die Unterscheidung zwischen Inzidenz und Prävalenz entscheidend:

  • Inzidenz von CIPN: Anzahl der Neuerkrankungen in einem bestimmten Zeitraum (z. B. während oder kurz nach einer Chemotherapie)
  • Prävalenz von CIPN: Anteil der Personen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an CIPN leiden, unabhängig vom Erkrankungsbeginn

Während die Inzidenz vor allem für die Risikoabschätzung während der Therapie relevant ist, spiegelt die Prävalenz die Langzeitbelastung für Betroffene wider.


📊 Gesamtinzidenz – Wie häufig tritt Polyneuropathie bei Chemotherapien auf?

Die Inzidenz von CIPN variiert erheblich, wird jedoch in der Literatur häufig als hoch eingestuft. Metaanalysen und systematische Reviews zeigen:

  • Bis zu 68 % der Patientinnen und Patienten entwickeln innerhalb des ersten Monats nach Chemotherapie Symptome einer CIPN
  • Nach 3 Monaten liegt die Inzidenz bei etwa 60 %
  • Nach 6 Monaten sinkt sie auf ca. 30–40 %

Seretny et al. (2014)

Diese Zahlen verdeutlichen, dass CIPN nicht nur ein akutes, sondern häufig auch ein chronisches Problem darstellt.


🕓 Prävalenz von CIPN – Ein unterschätztes Langzeitproblem

Die Prävalenz der CIPN ist besonders relevant für Krebsüberlebende („Cancer Survivors“). Studien zeigen, dass:

  • Etwa 30 % der Betroffenen auch 6 Monate oder länger nach Beendigung der Chemotherapie noch unter Symptomen leiden
  • Bei 10–20 % entwickeln sich chronische Verläufe, die über Jahre bestehen bleiben können

Da die Überlebensraten bei Krebs stetig steigen, nimmt auch die absolute Zahl von Menschen mit chronischer CIPN kontinuierlich zu.


💊 Abhängigkeit von Chemotherapeutika – Wirkstoffspezifische Inzidenzen

Die Inzidenz und Prävalenz von CIPN hängen stark vom eingesetzten Chemotherapeutikum ab. Besonders neurotoxisch sind:

Platinbasierte Chemotherapeutika

  • Cisplatin: CIPN-Inzidenz bis zu 90 %
  • Oxaliplatin: akute Neuropathien bei über 80 %, chronische CIPN bei 30–50 %

Taxane

  • Paclitaxel: Inzidenz zwischen 60–70 %
  • Docetaxel: etwas geringere Raten, ca. 40–50 %

Vinca-Alkaloide

  • Vincristin: besonders häufige Neuropathien, v. a. bei hämatologischen Neoplasien (Blutkrebs)

Weitere Substanzen

  • Bortezomib
  • Thalidomid
  • Eribulin

Je höher die steigende Dosis, desto größer ist das Risiko für eine ausgeprägte und anhaltende CIPN.


🟰 Krebserkrankung und CIPN – Tumorarten im Vergleich

Die Prävalenz von CIPN unterscheidet sich auch je nach Tumorart, da unterschiedliche Behandlungschemata eingesetzt werden:

  • Brustkrebs: hohe CIPN-Raten durch Taxane
  • Kolorektales Karzinom (Darmkrebs): häufige CIPN durch Oxaliplatin
  • Ovarialkarzinom (Eierstockkrebs): Kombinationstherapien mit Taxanen und Platin
  • Multiples Myelom (Knochenmarkkrebs): hohe Prävalenz durch Bortezomib

⚠️ Risikofaktoren – Wer ist besonders betroffen?

Neben der Chemotherapie selbst beeinflussen weitere Faktoren die Inzidenz von CIPN:

  • Höheres Lebensalter
  • Diabetes mellitus
  • Alkoholabhängigkeit
  • Vorbestehende Neuropathien
  • Genetische Veranlagung
  • Nierenfunktionsstörungen

Diese Faktoren erklären teilweise die große Streuung der Prävalenzzahlen in Studien.


🔬 Methodische Herausforderungen bei Prävalenz- und Inzidenzangaben

Die Erhebung der CIPN-Prävalenz ist methodisch anspruchsvoll:

  • Unterschiedliche Diagnosekriterien
  • Subjektive Symptomangaben
  • Einsatz verschiedener Tests und Skalen (z. B. NCI-CTCAE, EORTC QLQ-CIPN20)
  • Unterscheidung zwischen akuter und chronischer CIPN

Dadurch variieren die Angaben zur Inzidenz teils erheblich zwischen den Studien.


⚕️ Bedeutung der hohen Prävalenz für das Gesundheitssystem

Die hohe Prävalenz von CIPN hat weitreichende Konsequenzen:

  • Reduktion der Chemotherapie-Dosis bis hin zu Therapieabbrüchen
  • Erhöhte Sturzgefahr
  • Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
  • Erhöhter Bedarf an Schmerztherapie, Physiotherapie und Rehabilitation

CIPN stellt somit nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein gesundheitsökonomisches Problem dar.


📈 Aktuelle Entwicklungen und Ausblick

Trotz intensiver Forschung existieren bislang keine evidenzbasierten Standardtherapien zur Prävention von CIPN. Die frühzeitige Erkennung und die Überwachung der Inzidenz sind daher entscheidend, um irreversible Nervenschäden zu vermeiden.

Die zukünftige Forschung konzentriert sich auf:

  • Biomarker zur besseren Risikoabschätzung
  • Personalisierte Chemotherapie-Schemata
  • Nicht-pharmakologische Interventionen
  • Digitale Zugänge zur Verlaufsbeobachtung

👉 Fazit: CIPN ist häufig, relevant und oft chronisch

Die Prävalenz und Inzidenz von CIPN sind hoch und betreffen einen großen Teil aller Krebspatientinnen und -patienten, die eine Chemotherapie erhalten. Je nach Wirkstoff entwickeln bis zu zwei Drittel der Betroffenen neuropathische Symptome, von denen ein erheblicher Anteil langfristig bestehen bleibt.

Angesichts steigender Krebsüberlebensraten gewinnt die systematische Erfassung, Prävention und Behandlung von CIPN zunehmend an Bedeutung. Ein besseres Verständnis der epidemiologischen Daten ist ein zentraler Schritt, um die Versorgung von Betroffenen nachhaltig zu verbessern.



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📖 Quellen

Seretny et al. (2014): Incidence, prevalence, and predictors of chemotherapy-induced peripheral neuropathy: A systematic review and meta-analysis. Pain, 155(12), 2461–2470.
Park et al. (2013): Chemotherapy-induced peripheral neuropathy: A critical analysis. CA: A Cancer Journal for Clinicians, 63(6), 419–437.
Quasthoff & Hartung (2002): Chemotherapy-induced peripheral neuropathy. Journal of Neurology, 249(1), 9–17.
Velasco et al. (2015): Taxane-induced peripheral neurotoxicity. Toxics, 3(2), 152–169.
Beijers et al. (2014): Chemotherapy-induced neurotoxicity: The value of neuroprotective strategies. NDT, 10, 1045–1056.
Mols et al. (2014): Chemotherapy-induced peripheral neuropathy and its association with quality of life. Supportive Care in Cancer, 22(8), 2261–2269.
Bhatnagar et al. (2014): Neuropathy in breast cancer survivors. Breast Cancer Research and Treatment, 144(1), 1–9.
ASCO Guideline (2020 Update): Prevention and management of chemotherapy-induced peripheral neuropathy in survivors of adult cancers. Journal of Clinical Oncology, 38(28), 3325–3348.
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