In unserem Blog finden Sie eine Reihe an Erfahrungsberichten zu Chemotherapie induzierter Polyneuropathie. Sie haben gemeinsam, dass sie Betroffene unterstützen, ihnen Geschichten und Perspektiven von Survivorn aufzeigen und ihnen Mut machen wollen, nach vorn zu sehen. Für den vorliegeneden Beitrag waren wir im Interview mit Christin, Mitte Dreißig, Mama und Ehefrau, metastasierter Brustkrebs. Sie ist Influencerin auf Instagram (👉Ourbestjouney) und lässt uns Teil haben an ihrer Krebs- und Polyneuropathie-Geschichte.
Hallo Christin! Du bist Influencerin auf Instagram mit dem Schwerpunkt Brustkrebs und deinen persönlichen Erfahrungen damit. Mittlerweile gewährst du fast 70.000 Menschen Einblicke in dein Leben und deine Geschichte: Metastasierter Brustkrebs, Chemotherapie in der Schwangerschaft, Polyneuropathie bis zur Pflegestufe, Haus(um)bau und mittlerweile noch ein kleiner Zoo in den eigenen vier Wänden. Magst du dich kurz vorstellen?
Ja, ich bin Christin, fast 37 Jahre alt. Wir wohnen im Sauerland im schönen NRW und haben uns dort ein Haus gekauft. Ich war 2019 schwanger, nach langer Beziehung mit meinem jetzigen Ehemann. Zu dem Zeitpunkt habe ich die Diagnose Brustkrebs bekommen. Meine Therapien haben leider nicht den gewünschten Erfolg gebracht, sodass der Krebs ein halbes Jahr später metastasiert ist. Ja, und so nahm diese ganze Geschichte dann leider ihren Lauf.
Lief dein Instagram-Kanal denn schon vorher oder kam das Interesse daran mit der Krebserkrankung auf?

Ich denke, du gibst unglaublich vielen Menschen Halt und Unterstützung! Dafür auf jeden Fall auch ein großes Dankeschön - deine Arbeit ist so wertvoll!
Ich möchte ganz gerne einmal auf deine Therapien zu sprechen kommen und zu welchem Zeitpunkt du Polyneuropathie-Symptome bei dir festgestellt hast. Kannst du dazu etwas sagen?
Also als erstes habe ich natürlich die Standard-Chemos erhalten: die großen ECs, also Epirubicin und Cyclophosphamid. Die haben, soweit ich weiß, eher kein großes Risiko, dass sich eine Polyneuropathie entwickelt. Im Anschluss habe ich aber Paclitaxel bekommen.
Ich war zu Beginn in einer anderen Klinik behandelt worden. Als ich aber umgezogen bin, musste ich die Klinik wechseln. Ich bin dann heimatnah hier in eine Praxis gegangen, die ausschließlich die Therapie gemacht hat. Dort habe ich noch einmal eine Tabletten-Chemo bekommen, die aber nicht sehr lange lief. Als die Metastasen-Diagnose kam, habe ich Atezolizumab bekommen, die Immuntherapie, die ich heute noch erhalte sowie Nab-Paclitaxel.
Im ersten Standort wurden Hände und Füße gekühlt, auf Empfehlung der Klinik. In der neuen Praxis dann nicht mehr. Ich hatte zwar nachgefragt, aber das Personal meinte: “Nee das bräuchte man nicht. Es wäre nicht relevant.”
Ich war zu dem Zeitpunkt mit allem überfordert in meinem Leben. Ich hätte selber nicht mehr einschätzen können, ob das diskussionswürdig ist oder nicht und habe dementsprechend natürlich darauf vertraut, dass es eben okay so ist.
Als ich das Nab-Paclitaxel bekommen habe mit ca. 30 bis 35 Gramm, habe ich dann aber ab der Hälfte gemerkt, dass es schleichend anfing: Zum Beispiel wurde mein kleiner Finger taub. Ich habe das am Anfang gar nicht richtig deuten können: Schläft er jetzt ein oder warum fühlt es sich so komisch an? Ich habe aber auch nicht darüber nachgedacht, dass es eventuell mit der Therapie in Zusammenhang stehen könnte.
Das hat den Anfang der Polyneuropathie markiert?
Ja, kurz darauf fingen auch die Schmerzen an. Das war vorrangig in den Händen. Damit kam es dann auch ziemlich schnell zu dem Punkt, an dem ich gar nichts mehr machen konnte. Deshalb habe ich sogar Pflegestufe 2 bekommen: Weil ich mir kein Essen mehr schneiden konnte und mir selbst nichts mehr allein zubereiten konnte. Ich konnte meiner Tochter keine Windeln wechseln. Feinmotorische Tätigkeiten waren sehr schwierig. Daraufhin habe ich mich - leider zu spät - eigentlich erst wirklich informiert, was der Grund dafür war.
Ich war beim Neurologen. Da wurde die Polyneuropathie diagnostiziert. Erst danach habe ich wieder angefangen, Hände und Füße zu kühlen. Da musste ich mich übrigens selbst mit ausstatten, alles einfrieren und dann mit zu den Chemo-Sitzungen nehmen. Das war eine ziemlich lange Prozedur, die ich da mitgemacht habe.

Kannst du die Schmerzen beschreiben? Viele Betroffene sprechen von stechenden Schmerzen, war das bei dir auch so?
Hm, eher nicht. Die Schmerzen kamen meistens nachts, zwischen 4 und 5 Uhr - ich konnte manchmal die Uhr danach stellen. Da fing der Schmerz wie in Wellen an. Für einen Zeitraum von einer Stunde ungefähr kam eine Schmerzwelle für 10, 20 Sekunden auf einen absoluten Höhepunkt, dann flachte es wieder ab. Und das im Abstand von einer Minute erneut das Ganze. Ich kann es gar nicht richtig beschrieben, es war auf jeden Fall nicht punktuell, sondern die ganze Hand entlang, von den Fingerspitzen bis ins Handgelenk, was in einer Art Welle von oben nach unten abfloss. Und wenn ich gemerkt hab, es war im Handgelenk, dann wusste ich, jetzt ist es kurz vorbei. Bis es dann eine Minute später wieder anfing.
Das Problem war aber einfach die Intensität. Ich kann bis heute sagen, dass das die schlimmsten Schmerzen meines Lebens waren. Andere belächeln mich für diese Aussage. Aber hätte mir damals jemand gesagt, dass er mir die Hände amputiert, ich hätte vermutlich sofort zugestimmt, weil ich es nicht mehr ausgehalten hatte.
Das klingt schrecklich. Das Bild, das du zeichnest, ist aber gut nachvollziehbar. Über welchen Zeitraum sprechen wir, in dem du diese starken Symptome hattest?
Die Beschwerden hielten zirka ein Jahr an. Ich muss dazusagen, dass ich mich nur noch an wenig aus den ersten zwei, drei Jahren der Erkrankung und Behandlung erinnere. Das war die absolute Hölle für mich!
Was für eine Herausforderung! Hättet ihr mit Pflegestufe 2 Anspruch auf eine Pflegekraft gehabt? Oder eine Person, die euch im Haushalt unterstützt?
Hätten wir haben können, mein Mann war aber komplett zwei Jahre zu Hause, der hat das alles übernommen in dem Zeitraum. Ich habe versucht zu machen, was ich konnte.
Ich kann mir vorstellen, dass auch der Therapieweg nicht ganz einfach war bei diesem spezifischen Symptombild?
Definitiv nicht. Ich weiß nicht, wie viele Medikamente ich am Ende gegen die Polyneuropathie ausprobiert hatte, nicht wenige jedenfalls. Ich war bei Polamidon, bei Palladon (*Erläuterung: beides sehr starke Opioide) gelandet. Nichts davon hat geholfen. Ich war einmal die Woche beim Schmerztherapeuten mit den Worten “Es hilft nicht, es hilft nicht, ich kann nicht mehr.” Ich bin wegen der Schmerzen 2021 auch lange Zeit in der Klinik gewesen, hatte schlimme Wassereinlagerungen, konnte kaum noch laufen. Dort hatten sie mich dann relativ gut eingestellt.
Die Chemotherapie habe ich aufgrund der Polyneuropathie auch vorzeitig abgebrochen. Ich hätte das noch eher beenden können, habe mich aber dagegen entschieden, weil vorab der Krebs ja auch so schnell zurückkam. Das wollte ich nicht riskieren. Ich habe die Chemotherapie deshalb erst einmal gestreckt auf einmal pro Monat. Aber auch das hat eben nicht viel gebracht.

Anschließend an meinen Klinikaufenthalt war ich für zwei Wochen noch in einer naturheilpraktischen Klinik. Dort habe ich viel Akupunktur bekommen, Basilikumbäder und da wurde es dann tatsächlich immer besser. Rückblickend betrachtet - ich weiß, viele sagen, das bringt eh nichts -, war bei mir aber die Akupunktur der entscheidende Punkt zur Änderung.
Ich habe auch viel Ohrakupunktur bekommen. Zu Hochzeiten hatte ich bis zu 50 Nadeln im Körper, in den Händen, den Füßen, im Kopf, im Nacken, überall. Am ersten Tag, als mich mein Mann abends ins Krankenhaus gefahren hat, weil ich die Schmerzen nicht mehr ausgehalten hatte, habe ich aufgrund der Uhrzeit keine Medikamentenumstellung mehr bekommen, aber eben die Akupunktur. Das war die erste Nacht seit Monaten, die ich mal wieder durchgeschlafen hatte.
Der Austausch mit Betroffenen zeigt uns immer wieder, wie hoch individuell die Ergebnisse bestimmter Therapien sind. Es ist großartig, wenn Betroffene die für sie richtige Behandlung, vielleicht auch Medikation, finden. Wie die aussieht, ist bei jeder Person anders. Es ist super, dass du dich darauf eingelassen hast und damit etwas gefunden hast, das bei dir in dem Moment so wirksam war.
Ich denke, man hätte mir sagen und anbieten können, was man wollte. Ich hätte vermutlich zu allem ja gesagt (lacht). Diese Schmerzen waren einfach nur so schlimm.
Wie ging es dir denn mental damit? Dir sind durch diese Extrembelastung ja mit einem Mal unfreiwillig sehr, sehr viele Grenzen aufgezeigt worden. Viele Sachen, die vorher problemlos möglich waren, waren es mit einem Mal nicht mehr, du brauchtest Unterstützung im Alltag, konntest für dein Kind nicht in dem Maße da sein, wie du es dir gewünscht hattest. Was hat das mit dir gemacht?
Ja, psychisch war ich natürlich auf meinem absoluten Tiefpunkt. Das kann ich auch nicht anders schön reden oder sagen, dass es schöne Momente daran gab. Klar hab ich versucht, halbwegs Normalität walten zu lassen, aber das war einfach die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich war gerade Mama geworden, hatte kurz vorher geheiratet. Viele haben ja diese Vorstellung: heiraten, Eltern werden, alles ist schön, man kauft ein Haus, genießt die happy family. Und ich hatte von diesem Hochgefühl so wenig in dieser Zeit.
Ich war mit den Gedanken auch oft bei meinem Mann. Die Situation war ja auch nicht das, was er sich von dem Leben erhofft hatte. Ich wollte natürlich, dass er glücklich ist, dass er stolz sagen kann: “Hier guck mal, das ist meine Frau”. Ich hab mich überhaupt nicht so gefühlt, wenn er mich von der Toilette holen musste, weil ich das nicht mehr konnte oder er mich in der Nacht umdrehen musste, weil ich auch das nicht mehr alleine hinbekommen habe. Das ist natürlich mit Anfang 30 der absolute worst case gewesen für mich.
Dazu noch die Schmerzen und die Erkenntnis, dass ich immer weniger alleine machen konnte. Ich hatte panische Angst davor, wenn mein Mann mal 10 min einkaufen gefahren ist und ich alleine mit Säugling war. Was mache ich, wenn was passiert? Ich hatte die schlimmsten Szenarien vor Augen. Ich hätte ja noch nicht mal richtig die Tasten am Telefon tippen können. Das ist für einen Kopf in so jungen Jahren wirklich sehr schwierig.
Klar, das sind ja massive Ängste und ein gewisses Ohnmachtsgefühl, was du beschreibst. Wie hast du es denn geschafft, aus dieser Sorgenschleife rauszukommen oder dich zumindest zu beruhigen? Ich kann mir vorstellen, dass es unglaublich viel Kommunikation gebraucht hat, mit deinem Mann, deinen Freunden und Angehörigen.

Ja, ich bekomme jetzt noch ganz oft die Frage gestellt, wie ich es schaffe, bei all dem so positiv zu bleiben. Ich habe darauf keine Antwort. Ich bin einfach ein Mensch, der sich immer gesagt hat, ich will das Beste aus meinem Leben rausholen. Auch schon, bevor die Krankheit da war. Ich habe mir immer geschworen, dass ich mein Leben so lebe, wie ich es mir vorstelle.
Ich kann nur sagen: Hätte ich meine Tochter und meinen Mann nicht gehabt, wäre ich heute vermutlich nicht mehr hier. Meine Tochter ist natürlich der größte Grund, warum ich leben will. Aber mein Mann ist einfach der Mensch, der mich immer aus irgendwelchen Löchern holt, auch heute noch.
Wir hatten gestern eine Situation: Ich habe beim Keller-Aufräumen ein altes Foto gesehen und gesagt: Oh Gott, wie gut mal mein Bauch aussah, wie gut ich mal aussah und habe geweint und war so traurig. Weil mir klar geworden ist: Ich werde nie wieder so aussehen. Nicht dass ich mich oder mein Leben aufs Aussehen reduziere, aber es geht trotzdem mit einher. Mein Mann hat mir aber eben immer das Gefühl gegeben, dass, egal wie schlimm ich aussehe, wie schlimm es mir ging, ich immer die Frau bin, die er an seiner Seite will. Deshalb sind mein Mann und meine Tochter auch einfach mein Lebensinhalt. Mittlerweile auch unser kleiner Zoo hier zu Hause (lacht). Für die will ich einfach hier sein. Und das ist das, was mich wahrscheinlich auch immer wieder nach oben holt.
Das ist sehr rührend! Welch großes Glück du mit ihnen hast!
Ich glaube, ich bin darüber hinaus aber auch ein sehr resilienter Mensch. Ich versuche immer das Beste aus allem rauszuholen und habe das bis heute eigentlich auch immer ganz gut geschafft. Es gab eine Zeit lang, wo das nicht so war. Das ist aber auch okay.
Ich glaube auch, unser Körper ist sehr schlau. Ich weiß ja, wie gesagt, von dem Zeitraum, zum Beispiel meiner Metastasen-Diagnose, fast nichts mehr. Ich erinnere mich an den Rahmen an dem Tag und auch an den Moment, wo es mir mitgeteilt wurde, aber Gespräche, Details kann ich nicht mehr benennen. Der Körper sondert viel aus, was einem nicht gut tut.
Vielleicht ist auch das Teil der Resilienz, dass unser Geist sehr gut selektiert, was die Zuversicht fördert und was ihr eher schadet. Es ist toll und mutig, dass du die absoluten Tiefmomente und deine Ängste so klar thematisieren kannst, aber auch die Hoffnung und den Blick nach vorne so wunderbar transportierst. Das ist so wichtig für Betroffene und bestimmt auch dich selbst!

Instagram Beitrag von Christin, 12.06.2026
Wie geht es dir denn heute? Hast du noch Beschwerden und die neuropathischen Schmerzen?
Heute habe ich fast keine Einschränkungen mehr. Es ist manchmal etwas wetterabhängig. Wenn mir kalt ist oder die Außentemperaturen unter 10 Grad fallen, dann merke ich, dass meine Finger beeinträchtigt sind. Ich habe aufgrund der Immuntherapie aber auch stärkere Gelenkschmerzen. Aber die Polyneuropathie ist, würde ich sagen, zu 90% zurückgegangen.
Das ist erstaunlich bei dem Ausmaß der Symptome! Vielleicht kann man das gar nicht in deinem Fall, weil es so extrem war, aber hättest du drei, vier Hacks, eine Richtlinie oder einen Grundsatz - etwas, was du Betroffenen in so einer Situation mitgeben könntest?
Nicht verzweifeln, obwohl das ganz schwer ist. Ich war es selbst.
Sich vernünftigen ärztlichen Rat einholen. Nicht auf eine Praxis hören, die sagt: “Ach, das brauchen wir nicht, denn die Studien belegen nicht, dass es hilft.” Sich selbst zu informieren ist wichtig sowie kritisches Hinterfragen. Ich sehe wöchentlich, dass es irgendetwas Neues gibt: Man müsse nur in sich hineinhorchen und man werde wieder gesund. Das ist kein Fakt. Es ist ganz schwierig, in einer verzweifelten Situation - dazu zählt eine Polyneuropathie - zu sagen: Ich behalte den Blick auf das, was wichtig ist. Es ist wichtig, sich zu informieren und sich vielleicht eher zu fragen: Was schadet es? Auch wenn Wirksamkeiten usw. nicht belegt sind, schadet es, es trotzdem zu versuchen?
Da müssen Praxen und Kliniken auch einfach mehr Aufklärung betreiben. Ich bekomme das bei meiner Therapie ja mit. Frauen bekommen Taxane und es wird nichts gemacht. Keine Kühlung, keine Aufklärung. Das Infragestellen ist am wichtigsten, denke ich. Nicht auf alles hören, nur weil es von einem Arzt kommt oder weil jemand mit etwas gute Erfahrung gemacht hat. Man muss auch mich in Frage stellen, wenn ich auf Instagram von meinen Erfahrungen erzähle.
Was ist denn ein vernünftiger ärztlicher Rat in deinen Augen?
Darauf habe ich keine gute Antwort: Auch der vernünftigste Arzt kann falsch liegen. Deswegen sind Zweitmeinungen so wichtig. Ich habe mir drei oder vier Meinungen eingeholt, bis ich gesagt habe: Wir gehen jetzt diesen Weg. Das ist sehr aufwendig und es bedarf in Situationen, in denen jemand eh schon am Limit agiert, immer einer Person, die unterstützt. Das auch als Tipp: Mitschreiben. Wenn man allein zu Terminen geht, kann man fragen - ich weiß, das ist vielen sehr unangenehm: Könnte ich jemanden anrufen, der einfach mithören kann. Können Sie es nochmal sagen, erklären und so weiter. Und auf gar keinen Fall, irgend jemandem zuhören, der auf Insta erzählt: Du musst nach Spanien reisen und 5000 Euro zahlen und wirst geheilt oder so was in der Art.
Was hättest du dir denn in der Patient:innen-Aufklärung konkret gewünscht? Mehr zu den Therapie-Optionen zu erfahren oder überhaupt eine bessere Vorausschau, was kommen kann, wie du Symptome einordnest oder ähnliches?
Ich glaube, mir hätte alleine schon ein Flyer gereicht, auf dem alle möglichen Nebenwirkungen einer Chemotherapie aufgelistet sind, die auftreten können. Nicht nur Polyneuropathie, sondern auch Durchfall, Appetitverlust usw. Und dass für Polyneuropathie zum Beispiel drauf steht, was angeboten wird: Kompression, Kühlung, eine Checkliste, ob man sich die Dinge ggf. selbst kaufen und mitbringen muss. Ich hatte den Vorteil, dass ich selbst Krankenschwester bin und mich mit dem ein oder anderen etwas mehr auskannte oder wusste, wo ich Informationen finde. Aber von Chemotherapie und möglichen Nebenwirkungen hatte ich auch keine Ahnung.
Meine erste Chemo-Aufklärung ist leider auch schwierig gewesen. Natürlich müssen Nebenwirkungen besprochen werden, wenn aber die ersten zwei, drei Worte schon sind: Herzstillstand, Kreislaufkollaps, dann ist man einfach nur überfordert, verunsichert und verängstigt. Es wäre einfach praktisch gewesen, wenn man eine Art kleines Heftchen an die Hand bekommt an: Was kann passieren? Was sind begleitende Therapie-Optionen?
Ich wünsche mir aber auch, dass Praxen und Pflegepersonal einfach besser aufgeklärt werden. Ich glaube, das Defizit in der Aufklärung kommt in vielen Praxen einfach wirklich aus mangelndem Wissen und vielleicht auch ungünstiger Priorisierung. Es wird eben der Tumor gesehen, die Krebszellen müssen vernichtet werden und für alles, was damit einhergeht, wird es hier und da bestimmt ein Medikament geben.
Das heißt, Aufklärung benötigt es nicht nur bei Patient:innen, sondern ganz stark auch beim Pflegepersonal zum Beispiel.
Das ist ein wichtiger Punkt, den du ansprichst. Wir bekommen sehr oft zurückgemeldet -auch von Ärzt:innen und onkologischem Pflegepersonal - dass es bei Krebserkrankungen einen stärkeren interdisziplinären Austausch braucht, was die Behandlung betrifft, aber auch das Assessment beim Nebenwirkungsmanagement. Es gibt so viele Berührungspunkte, wo klassische Onkologie bzw. Schulmedizin mit Ernährungswissenschaft, mit Naturheilkunde, mit Bewegungsprogrammen und Sport zusammenkommen, sich ergänzen und die Patient:innen unterstützen könnten. Aber hier liegt der Knacks sehr oft im System: die Ausbildung ist zu einseitig, mangelnde Ressourcen, fehlende Fortbildungen usw.
Gehen wir doch noch kurz auf dich als Sprachrohr ein: Hast du die Polyneuropathie denn auch auf Instagram thematisiert?
Habe ich, ja. Immer mal wieder greife ich ja Themen auf, die beschäftigen, mache Fragerunden oder ähnliches. Manchmal spezifiziere ich das, indem ich ein Thema beispielsweise vorgebe. Polyneuropathie ist regelmäßig dabei. Oft geht’s um Hilfsmittel. Da führe ich dann zum Beispiel die Rüttelplatte an. Die hatte ich in der ersten Klinik, dort, wo auch gekühlt wurde, schon benutzt. Die gibt es aber sehr selten in Praxen. Ansonsten aber natürlich viele Tipps zur Stimulation, wie mit Igelbällen, Akupressurringen.
Was mir ganz gut tat, war es, die Hände ins Wasser zu halten. Manchmal kalt, manchmal warm. Ach ja, und Rapssamen und die Hände darin baden. Aber immer auch mit dem Zusatz: Nur, weil es für mich gut war, heißt das nicht, dass es bei anderen den gleichen Effekt hat. Was ich garnicht gemacht habe, waren so feinmotorische Übungen wie Erbsen aufheben, weil ich keine großen Probleme mit Taubheit hatte. Der Fokus bei mir waren eher die Schmerzen.
Für Ergotherapie oder sowas hätte ich damals aber auch gar keine Ressourcen gehabt.

Das heißt, hauptsächlich werden deine Expertise oder deine Erfahrungen in der Behandlung oder Selbsthilfe nachgefragt?
Ja, das ist schon der Kern dessen, was ich da mache. Dennoch sage ich natürlich immer sehr klar: Hört zu, ich spreche aus meinen subjektiven Erfahrungen. Ihr müsst euch bitte selber informieren und mit den Ärzt:innen und Therapeut.innen absprechen.
Erreichen dich denn auch andere Schicksale? Hat dich eine Geschichte mal besonders berührt?
Mich berühren alle Geschichten. Ich bekomme natürlich viele Nachrichten, bei denen die Verzweiflung auch stark zu spüren ist. Von Menschen, die nicht mehr wissen, was sie tun sollen, die Pflegefälle sind oder nicht mehr laufen können. Auch nicht nur Polyneuropathie-Fälle. Was ich immer besonders schlimm finde - weil ich da persönlich so anknüpfen kann - sind Berichte von Menschen, die sich total gesund gefühlt haben, in der Blüte des Lebens stehen, nach dem Motto “Was kostet die Welt” und dann durch die Diagnose so aus der Bahn geworfen werden: Auf einmal sind sie ganz krank. Du stehst vorm Spiegel zu Hause und denkst dir: Ich bin doch nicht krank, wie kann ich krank sein? Sowas bewegt mich.
Sobald natürlich Kinder mit im Spiel sind, ist das für mich auch nochmal eine ganz andere Nummer. Aber auch, wenn keine Kinder unmittelbar betroffen sind. Frauen können oft nicht mehr schwanger werden, Ehemänner sind betroffen. Alle tragen ihr Schicksal und das berührt immer.
Das Leben ist manchmal unfair. Habe ich gestern auch zu meinem Mann gesagt: Warum stehe ich hier, ich wollte doch eigentlich nur schwanger sein, Familie genießen und musste dann irgendwie die schlimmste Zeit in meinem Leben durchstehen. Ich meine, ich bin frei von Metastasen und Tumoren momentan, aber das verschwindet ja trotzdem nicht aus dem Kopf. Das ist jeden Tag präsent und jeden Tag gibt es eine neue Herausforderung, neue Nebenwirkungen.
Absolut. Vor allem wird jedes Schicksal anders erlebt. Ich mag das Wort “Konstitution” nicht, aber die persönliche Ausrichtung, das Mind-Set, das beeinflusst den Umgang mit der Diagnose ja ganz unterschiedlich. Und wie der Körper auf die einzelnen Therapieschritte reagiert, natürlich auch. Es ist auf jeden Fall bewundernswert, wie viele Menschen aus dieser Krankheitserfahrung auch Mut und Stärke und Zuversicht gewinnen.
Liebe Christin, gibt es etwas, was du Betroffenen noch mit auf den Weg geben möchtest?
Ich glaube, das Wichtigste, was ich jungen oder auch älteren Menschen mit auf den Weg geben möchte, ist, dass man an sich selbst glauben muss. Auch wenn man die Hoffnung mal verliert und denkt “Ich kann nicht mehr”, und völlig verzweifelt. Klammert euch an das kleine Fünkchen Hoffnung. Ich glaube, dass ich dafür ein ganz gutes Beispiel bin. Ich hatte zeitweise gar keine Hoffnung mehr, ich habe 2021 nicht geglaubt, dass ich 2022 erleben werde. Mein größter Wunsch war es, die Einschulung meiner Tochter zu erleben. Damals hätte mir niemand zugesagt, dass ich die erleben werde und dieses Jahr ist es soweit. Wenn ich das geschafft habe, dann schaffen das auch viele andere. Ich bin kein Wunder, ich bin nichts Besonderes. Ich bin wie du und ich. Gebt einfach die Hoffnung nicht auf. Mit Information und Unterstützung bleibt ihr dran!
Vielen Dank für deine ehrlichen und mutigen Einblicke, für deinen positiven Blick nach vorn und deine Zuversicht, die du so vielen Betroffenen auf so sympathische Art vermittelst! Wenn ihr mehr über Christin und ihre Geschichte erfahren wollt, folgt ihr gern auf 👉 Instagram!
